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Luftwirbel traveling... Karpaten

Reisetagebuch
Karpaten

Sonntag 15.09.2019

 

Sonntagsgottesdienst in der

Tserkva Rizdva Presvyatoyi Bohorodytsi

Gemeinsam am grossen Tisch essen wir Frühstück.

„Habt Ihr es Euch überlegt?“, fragt Oksana. „Wer möchte mit zum Sonntagsgottesdienst“?

 

Luba und Oleksii nicken: „Wir sind dabei und fahren danach nach Hause“. Die Koffer haben die zwei schon gepackt und sind ready. Auch wir möchten Oksana begleiten und reisen dann erst am Montag ab. 

 

Ganz entfernt erinnere ich mich, dass ich es im inneren einer christlich-katholischen Kirche meist kühl fand und schnapp mir kurzerhand noch eine Jacke.

Doch Oksana schüttelt den Kopf. Ich bräuchte keine Jacke.

 

Oleksii stellt sich als Fahrer zur Verfügung. Martin sitzt vorne und wir drei Frauen machen es uns auf der Rückbank bequem. Es sind zwar nur 8 Kilometer ins Nachbardorf, doch dafür benötigen wir eine gute viertel Stunde. Die Fahrt gleicht einer Rüttelpartie.

Tserkva Rizdva Presvyatoyi Bohorodytsi

 

Eine echte Holzkirche.

Aus den Lautsprechern, welche aussen an der Kirche befestigt sind, dröhnt Gesang. Ziemlich laut und zugegeben in furchtbarer Qualität.

 

Die Tür steht offen. Der Gottesdienst ist schon im vollen Gange.

Die Menschen singen. Die Akustik im inneren ist super.

 

Die gläubige Oksana bekreuzigt und verbeugt sich. Dann betritt sie die Kirche. Wir dicht hinter ihr. Sie bekreuzigt sich erneut und flüstert uns was zu.

 

Danach zündet sie eine Kerze an und geht ein paar Schritte nach vorne, wo sie im Gebet versinkt. Wir bleiben in den hinteren Reihen, nahe der Türe stehen. Schliesslich wollen wir niemanden stören.

Kennt Ihr das Gefühl, wenn man „zu spät“ zur Kirche erscheint? So leise man auch die grosse Türe öffnet, es drehen sich alle mit einem verächtigenden Blick um. So nach dem Motto: Wer kommt den jetzt noch?

 

Das läuft hier ganz anders. Pünktlich zu Beginn da sein muss man nicht.

Leute kommen und gehen. Die einen raus, die anderen rein. Wer rein kommt macht es wie Oksana: Eine rituelle Abfolge von Bekreuzigen und Verbeugen, Kerze anzünden, sich irgendwo hinstellen und beten.

 

Die ganze Zeremonie dauert mehrere Stunden. Jeder kann kommen (und gehen), wann er will.

 

Im Allgemeinen strahlt die Kirche eine angenehme Wärme aus. Und es ist wirklich nicht kühl. Die Holzwände, die vielen bunten Teppiche (auch auf dem Boden), sowie die Kerzen und der Gesang.

Ich bin fasziniert und kann das jetzt gar nicht so richtig beschreiben, aber das, was wir soeben erleben, ist alles andere als „Kirche“, wie wir sie kennen.

 

Dass vorne der Pfarrer steht und hinten in Reih und Glied die Gläubigen.

Hier gibt keine ausgerichteten Holzbänke. Jeder steht da, wo er gerade stehen möchten. 

 

Für die Personen, die körperlich nicht in der Lage sind so lange zu stehen, gibt es entlang den Wänden Bänke und Stühle mit bunten Decken.

 

Die meisten Frauen tragen Kopftücher und lange Röcke. Einige in kurzen Röcken (und Stöckelschuh) und welche ganz normal in Jeans gekleidete. Oksana trägt ein Umhang mit Kapuze. Selbst designt. 

 

Hier und da wird einander was zugeflüstert. Es ist ständig Bewegung. Sogar eine rötliche Katze entdecken wir zwischen den Beinen herumschleichen.

 

Vorne beim „Priester“ oder wie man hier das kirchliche Oberhaupt nennt, bildet sich eine Menschenschlange. Einer nach dem anderen „verschwindet“ unter dem Umhang des Priesters. Was da im Verborgenen genau vor sich geht, wissen wir nicht. Es sind so viele Eindrücke, weshalb wir uns nicht mehr ganz sicher sind, ob dieser Teil erst später kam.

 

Oksana kommt zu uns zurück und zusammen gehen wir nach draussen.

Sie erzählt ganz viele Dinge, über Rituale und Geschichtliches. Bauart der Kirche und wie das mit den goldigen, bzw. silbernen Dächern so ist. Wie viel „Macht“ und Einfluss die Kirche in der Ukraine hat erklärt sie anhand eines einfachen Beispiels: Seit geraumer Zeit verbietet die Politik das Anzünden von Grasabfällen (und Müll). Erfolgslos.

 

Erst als die Kirche das verbrennen an Sonntagen untersagte, weil der Rauch für irgendwas religiöses nicht gut ist, halten sich die Menschen daran. So haben wir es zumindest verstanden.

 

Das verbrennen von Gras hat „Tradition“, erklärt uns Oksana. Die Menschen wollen es nicht lassen. Auf der Fahrt hierher haben wir viele kleine Feuer gesehen und gerochen. In der Stadt der SMOG und auf dem Land der stechende Rauch.

Oksana geht wieder rein. Die Hauptpredigt beginnt. Die Kirche hat sich gefüllt.

 

Ein „Kirchenhelfer“ läuft mit einer Ikone (einem Bild von einem Heiligen) durch die Reihen. Die Gläubigen bekreuzigen sich und küssen (die Hände und Füße) der dargestellten Heiligen. Kann sein, dass dies auch schon früher geschah. Wie gesagt. Viele Eindrücke.

Martin und ich schauen uns den Friedhof an.  

Das ist total interessant. Nichts gleicht den letzten Ruhestätten, so wie wir es kennen.

 

Die Grabsteine sind Kreuz und Quer angesiedelt. Trampelpfade frühen zwischen den Gräbern durchs kniehohe Gras, vorbei an Tischen, Bänken und Stühlen. Alles sehr individuell.

Zurück bei der Kirche fragen wir Oleksii ob das „normal“ ist, dass es überall Sitzgelegenheiten gibt. Er nickt. Ja. Man kommt ja auf den Friedhof um Zeit mit den verstorbenen zu verbringen. An manchen Tagen treffen sich hier richtig viele Leute und bringen Essen und Getränke mit.

Irgendwann tauchen Oksana und Luba wieder auf. Die Hauptzeremonie scheint vorbei zu sein, doch die Kirche geht weiter. Noch mindestens eine Stunde oder länger.

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