Luftwirbel traveling... to Pyrenees

Reisetagebuch

Camargue - Pyrenäen oriental

Ein Plan, ein Unfall und eine Reise mal anders:

Der Unfall:

 

Wir sind zu Besuch, trinken bei schönem Sommerwetter Kaffee und auf der Wiese wird mit dem Hund Fussball gespielt. Ich stehe neben dem Tisch als der Ball in unsere Richtung rollt. Ein Reflex den Ball zurück ins Feld zu kicken endet abrupt an der ausgefahrenen Sonnenstore. Frontal pralle ich dagegen und knalle rückwärts mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf. Kurze Bewusstlosigkeit.

 

Eine Stimme fragt, ob ich aufstehen kann. Ich will es versuchen, doch ich hab keine Orientierung wo oben und unten ist. Alles dreht sich.

Vom Rest des Tages krieg ich nicht mehr viel mit.

Das Samstagsprogramm, mit dem Gummiboot auf die Reuss, fällt wortwörtlich ins Wasser. Mir ist schwindelig und ich habe einen ordentlichen Brummschädel.

 

Der Arzt diagnostiziert ein Schädelhirntrauma und verordnet viel Ruhe. Ein CT würde nur Strahlenbelastung bedeuten, aber an der Behandlung (Kopf still halten) vorerst nichts ändern. Sollte sich der Zustand verändern (Koordinationsprobleme, plötzlich auftretende Sprachstörung oder sonstig ungewöhnliches), muss sofort reagiert werden.

Dienstagabend, meine linke Hand kribbelt als würde sie einschlafen und nicht mehr aufwachen. Mir ist extrem schwindelig und meine Pupillen versuchen irgendwo im Raum halt zu finden.

Martin wählt den Notruf.

Der Krankenwagen bringt mich mit Blaulicht ins Klinikum Darmstadt.

 

Das CT vom Schädel deutet zum Glück auf keine Hirnblutung hin. Irgendwann nach Mitternacht darf mich Martin nach Hause nehmen. Das Taubheitsgefühl im Arm legt sich auch wieder.

 

Sobald aber mein Blutdruck steigt, schläft die Hand wieder ein. Ein beängstigendes Gefühl, wenn man seine Finger nicht mehr bewegen kann.

 

Die nächsten Wochen verbringe ich auf einem Gartenstuhl im Wohnzimmer. Der Stuhl hat eine lange Rückenlähne und ich kann sie von Aufrecht bis fast liegend verstellen. Armlähnen verhindern, dass ich herunter falle. Habe Kopfschmerzen und mir ist bei jeder noch so kleinen Bewegung schwindelig.

Martin´s Arbeitsgeber ermöglicht ihm Homeoffice, so dass er sich ganztags um seine „Zimmerleiche“ kümmern kann. Dass diese Flexibilität nicht selbstverständlich ist wissen wir zu schätzen und sind der Firma sehr dankbar.

 

Wenn Martin einkaufen fährt, passt ein Nachbar auf mich auf.

 

Gegen Ende der zweiten Woche lässt der Schwindel endlich nach. Aber das Kopfweh bleibt hartnäckig. Seit dem Umfall wache ich morgens mit Kopfschmerzen auf und gehe abends mit Kopfschmerzen ins Bett.

Seit 31 Tagen bin ich nun krankgeschrieben. Mein Denkapparat ist stark verlangsamt und auch mit dem logischen Denken hapert es noch.

 

Nur ein Beispiel:

Martin will die Batterie der Ténéré aufladen und beginnt, in meiner Anwesenheit, den Sattel abzuschrauben. Ich lege mich wieder ins Bett und erst eine viertel Stunde später realisiere ich, dass er bei meinem Motorrad die Batterie unter dem Sitz nie finden wird. Dei der Ténéré befindet die sich nämlich schlecht zugänglich unter dem Tank! Das hätte mir im Normalfall direkt auffallen müssen.  

 

Meine Hirnzellen sind verwirrt.

 

Früher wanderten jegliche Werbeprospekte vom Briefkasten direkt in die blaue Tonne. Jetzt sitze ich im Bett und schneide bei den verschiedenen Prospekten Dinge aus, die ich kaufen möchte (und werde). Zudem entdecke ich das Online-Shopping. Bestelle hier, bestelle da. Nützliche Dinge, aber leider auch unnützliche Dinge. Die DHL klingelt fast täglich und bringt ein Päckli für mich. Oft weiss ich gar nicht mehr was ich bestellt habe, und so ist es wie Weihnachten. Jedes Packet eine Überraschung.

 

Als ich das erste Mal alleine in die Apotheke laufe (ca. 400 m), bleibe ich bei einem Dessouladen hängen. Seit einem Jahr lauf ich an diesem Laden vorbei, und hatte noch nie das Bedürfnis da rein zu gehen. Jetzt kaufe ich einfach mal Unterwäsche für 110 Euro. Und freue mich darüber.

Und doch, mir geht es tendenziell von Tag zu Tag immer wie besser.

 

Ich kann wieder im Haushalt mithelfen und möchte nächste Woche sogar zur Arbeit. Dass ich mein Projekt nicht mehr Termingerecht fertig kriege ist klar, aber vielleicht kann ich vor dem Urlaub noch etwas beisteuern.

 

Und auch wenn das Kopfweh stundenweise nachlässt, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis wieder alles so ist wie vorher.

 

Die Ärzte gehen von einer kompletten Heilung aus. Ein MRT des Kopfs bestätigt auch nach vier Wochen, dass keine innere Blutung entstanden ist. Es braucht halt einfach ZEIT. Viel Zeit.