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Luftwirbel Traveling ... Island

Island-14

Donnerstag, 09.09.2021

Zeit unterwegs von 10:15 bis 15:20 Uhr

Zeit in Fahrt = 2:29h

Island-14
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84 Kilometer

Steinstaðaskóli → F752 → Laugafell

Sonnenschein begrüsst uns. Herrlich.

Alles aus dem Zelt auf den Tisch räumen und ordnungsgemäss in den Koffer verstauen. Eine gewisse Grundordnung ist wichtig, weil sonst findet man einfach nichts.

Für unser heutiges Vorhaben muss Luft aus den Reifen. Die Alp darf sich vorne mit 1.5 bar und hinten 1.8 bar in den Heidenau´s zufriedengeben.

Kurz nach 10 Uhr erwachen die zwei Einzylinder zum Leben.

 

Die ersten 14 KM sind befestigt. Dann folgt eine kleine Haltebucht mit Informationsschilder, welche uns darauf hinweisen, dass, wenn wir hier weiterfahren die Zivilisation verlassen und ins Hochland gelangen.

Was erwartet uns im Hochland? Alles, nur kein Asphalt.

 

Hochlandpisten sind mit einem F- gekennzeichnet. All die schönen Schotterpisten, welche wir bis jetzt an der Nordküste zurückgelegt haben, sind keine F-Strassen, sondern einfach "nur" unbefestigte Strassen.

Auch hier werden wir die nächsten 35 Kilometer noch auf der 752 (eine wunderschöne unbefestigte Piste) zurücklegen, bevor sie in die F752 übergeht.

Eines der Schilder weist darauf hin, dass F-Strassen nur mit einem geländegängige Allradfahrzeug befahren werden dürfen.

Text vom Schild:

Lieber Autoverleihkunde / Reisender

Bitte beachten Sie, dass Autofahren im Hochland (d.h. auf Strassen, die auf öffentlichen Landkarten als F-Strassen gekennzeichnet sind) nur mit Jeeps mit Allradantrieb (4x4) erlaubt ist, und nicht mit PKWs, weder mit Front- oder Heckantrieb (2wd) noch mit Allradantrieb (4wd).

 

PKWs ins Hochland zu fahren kann gefährlich sein und ist streng verboten. PKWs, die ins Hochland gefahren werden, haben keinen Versicherungsschutz, und ihre Verleiher können entsprechend dem Verleihvertrag mit Geldstrafe belegt werden. Autoverleihkunden haften für alle Schäden an PKWs, wenn sie ins Hochland fahren oder in andere Gebiete, die für PKWs nicht erlaubt sind.

 

Beachten Sie, dass keine Versicherung Schäden an der Unterseite/Chassis des Autos deckt oder Schäden, die durch Fahren über Flüsse verursacht werden.

Das Hochland ist das grösste Wüstengebiet Europas. Tausende Kilometer nicht als Kies, Lavasteine und Lavasand inmitten bunter Berge. Aus der noch immer aktiven Erde ragen Vulkane und gletscherbedeckte Gebirgskuppen.

Auch Schneefelder können im Sommer auf der Piste liegen und sollten auf keinen Fall einfach umfahren werden. Entweder drüber, wenn es die Umstände, das Fahrzeug und das fahrerische können erlauben oder Umdrehen.

Das verlassen der vorgegebenen Piste ist strengstens verboten und wird – zurecht – mit hohen Geldbussen bestraft. Solche Flyer entdeckten wir schon auf der Fähre und sie liegen auf Campingplätzen, Tankstellen und vielen weiteren Orten auf. 

Eines der Schilder erklärt warum:

Warum darf man nicht abseits der Strassen fahren? Schäden in der isländischen Landschaft können nur sehr mühsam verbessert werden. Island liegt am Polarkreis, die Wachstumszeit der Pflanzen ist kurz und es kann Jahrzehnte dauern bis die beschädigte Vegetation sich erholt hat.

 

Das Erdreich in Island ist vulkanisch und deshalb sehr locker. Fahrzeugräder sinken leicht in den Erdboden und es entstehen Spuren, sie das unberührte Land verunstalten. In der Regel werden Räderspuren zu Wasserkanälen und dadurch wird die Bodenerosion und die Schäden noch verstärkt.

 

Die Landschaft im Hochland ist offen und der Horizont ist weit. Jede Landschaft hat ihren besonderen Charakter und Räderspuren stechen ins Auge in der natürlichen Landschaft. Fahrspuren ausserhalb der Strasse haben auch Anziehungskraft für andere Fahrer und ermutigen auch sie zum Fahren ausserhalb der Strasse. Die Nutzung motorisierter Fahrzeuge ist abseits der Strassen untersagt.

Die meisten Flüsse im Hochland sind nicht überbrückt und sind auf der Karte mit einem blauen V gekennzeichnet. Das heisst, man muss sie Furten. Furten nennt man das durchqueren von Gewässern. Dazu sollte man ein paar „Grundregeln“ berücksichtigen.

 

Einen sehr kurzweiligen und spannenden Bericht mit Tipps zum furten von Flüssen schriebt das Offroad- und Reisemagazin MATSCH&PISTE

​Ein kleiner Ausschnitt:

Fluss ist nicht gleich Fluss. Gerade auf Island müssen Offroad-Fahrer zwischen normalen Flüssen und Gletscherflüssen unterscheiden. Gletscherflüsse sind durch ihre milchige Färbung leicht zu identifizieren. Oft ist ihr Untergrund nur schwer bis gar nicht zu erkennen und ihre Tiefe nicht einschätzbar. Was jeder Fahrer außerdem wissen sollte: Durch das Schmelzwasser können Gletscherflüsse im Laufe des Tages unterschiedliche Wasserstände haben. In der Regel führen sie vormittags weniger Wasser, deshalb sollten Gletscherflüsse am besten morgens überquert werden.

 

Aber auch nach Regentagen steigt der Wasserpegel markant an und die Furt vom Vortag schwillt schnell zum unüberwindbaren Hindernis.

 

Vor dem Furten ist es zwingend notwendig, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen. Wo fahre ich rein, wo fahre ich wieder raus? Flüsse ändern ihren Lauf und Reifenspuren können in die Irre führen. Nach dem ersten kurzen Abschätzen geht es ans Eingemachte: das Prüfen der Tiefe und Beschaffenheit des Untergrundes.

Auf der sicheren Seite ist letztendlich nur derjenige, der den Fluss zunächst durchwatet. Als grobe Faustregel gilt: Traue ich mich nicht einen Fluss zu durchwaten, sollte ich ihn auch nicht durchfahren.

Im Zweifel umdrehen oder auf ein anderes Fahrzeug warten. Im besten Falle fährt das andere Fahrzeug vor oder aber man kann sich gegenseitig helfen. Eine Seilwinde alleine ist in Island, ohne Bäume, kein geeignetes Bergungsmittel bei der Selbsthilfe. Es benötigt in der Regel mindestens ein anderes Fahrzeug, um das steckengebliebene Allrad zu bergen.

 

Routinierte Flussdurchquerer können “Furten lesen” und Rückschlüsse anhand der Wasseroberfläche ziehen. z.B. sind ruhige Stellen meist tiefer. Leicht gekräuselte dagegen oftmals seichter.

Auch ist die kürzeste Strecke durch ein Gewässer ist nur selten die beste. Dort wo der Fluss am breitesten ist, ist die Wassertiefe und die Fließgeschwindigkeit am geringsten. 

 

Soviel zur Theorie. Ob wir das in der Praxis anwenden können, wird sich zeigen.

Ein Ratschlag, auf den man immer wieder stösst: Sich bei anderen Fahrern, die einem entgegenkommen, oder die man in Hütten antrifft, nach der Tiefe der Furten zu erkundigen. Aber Achtung: Niemand warnt Motorradfahrer (und Velofahrer) von den Aussagen eines 4x4ler. Wir werden Heute unsere Erfahrung machen. In so einem Geländewagen sieht halt vieles harmloser aus.

Je nach Witterungsverhältnissen und Zustand der brückenlosen Flüsse sind F-Strassen nur 2-3 Monate im Sommer befahrbar.

Auskünfte über die Straßenverhältnisse bieten das isländische Straßenverkehrsamt (www.road.is)

Das „Trackbook Island (85 Highlands Adventures)” bezeichnet die Route F752 als Advance.

 

Der Offroad-Reiseführer MDMOT schreibt, dass es drei Furten kurz nach Laugafell zu queren gibt (für uns kurz vor Laugafell*). Auf dieser Route ist die „Einsamkeit“ der einzige Begleiter.

*Warum die alle die Route andersrum fahren, werden wir heute noch er"fahren". Man erinnere sich an die Theorie, dass Schmelzwasserflüsse am Vormittag deutlich weniger Wasser führen.

Bereit für die Skagafjörður Route? Ja. Bereit.


Die 752 führt uns zunächst in einem grün-kahlen Tal südwärts. Die letzten Häuser und Höfe verschwinden hinter uns.

Vor uns die erste Furt. Wir halten an. Das Wasser ist klar – wir können das Flussbett sehen. Es scheint nicht tief oder sehr stromreich zu sein. Eindeutig kein Gletscherfluss. Dennoch wollen wir "nichts falsch" machen und so stiefelt Martin, der Gentleman, ins Wasser. Als würden wir das erste Mal ein Fluss furten.

Er gibt mir ein Zeichen, dass ich bedenkenlos furten kann. Das klappe ja schonmal ganz gut. Auch Martin fährt DI-DR souverän auf die andere Seite. Ok, das war einfach. Diese Furt ist in den Karten noch nicht Mal als V eingezeichnet.

Eine Serpentinengruppe verschafft uns Höhe. Wunderschön der Blick zurück ins Tal. Genuss PUR.

Die Piste bietet sehr steile Passagen und ist leicht geschottert.

Ein Expeditionsfahrzeug (4x4 LKW) kommt auf uns zu. Ein riesen Ding, dieser Unimog mit Karlsruher Kennzeichen. Seit wir auf der F-Piste sind, ist uns noch keine Menschenseele begegnet. Dieser Fahrer ist und bleibt heute auch die einzige Begegnung bis Laugafell. Ja, die Einsamkeit ist unser Begleiter.

Wie geht´s? Wie siehts aus? Wir erkundigen uns nach dem weiteren Pistenzustand und natürlich der Furten. " Piste ist gut befahrbar und die Flüsse sind auch kein Problem". Ich freue mich über seine Worte. Von den Flussdurchquerungen habe ich doch ein wenig Respekt. Aber dann ist ja alles gut.

Wir gewinnen stetig an Höhe. Unter unseren Rädern eine perfekte Schotterpiste, eingebettet im saftigen Grün mit weissen Wollgräser. Genuss Pur.

Der Untergrund ändert sich, wird erdiger. Wir fahren durch eine weite, heidenartige Hochebene ohne markante Punkte. Das Auge verliert sich am Horizont.

Vor uns ein schwarzes erkaltetes Lavafeld. WOW, sowas haben wir noch nie gesehen…..

Kaum befinden wir uns in der Nähe von Gewässern, ist es sofort wieder Grün.

Sind das Schwäne?

Je weiter wir ins Landesinnere vordringen, desto grauer und steiniger wird es. Das „Grün“ rechts und Links der Piste ist verschwunden. 360° um uns herum Wüste.

Nur Steine - von wegen. Wer genau hinschaut findet immer wieder Pflänzchen.

Dazu dient als Kulisse in der Ferne der Gletscher Hofsjökull.

Der drittgrösste Gletscher Islands. WOW. Sein höchster Punkt ragt auf 1800 m über den Meeresspiegel. Er ist fast kreisförmig, mit ungefähr der gleichen Steigung in alle Richtungen.

22 Talgletscher erstrecken sich von der Haupteiskappe, von denen einige der größten Flüsse des Landes mit Schmelzwasser speisen.

So zumindest stand es auf einer der Schilder heute Früh. Gut, dass wir Fotos zum Nachlesen gemacht haben.

Mitten in dieser Steinwüste erreichen wir eine Seelandschaft. Grüne Vegetation mit tiefblauem Wasser. Diese Farben – Phänomenal – Wunderschön

Eine ganze Ansammlung von weissen Schwänen ergänzen dieses Bild. Am Ende unserer Islandreise werden wir mehr Schwäne gesehen haben, als das ganze letzte Jahr überhaupt. Wenn es denn tatschlich Schwäne sind. So genau können wir es immer noch nicht bestimmen.

Ein paar der Becken sind braun-schlammig ohne sichtbares Wasser.

Alles in einem: Frau auf Motorrad, fährt auf grauer Piste, neben blauem See direkt auf den weissen Gletscher zu.

...und freut sich dabei.

Die Piste, sowie auch die Gegend wird etwas „feiner“. Weniger Geröll, eher Kieselsteine mit Sandüberzug.

Den Gletscherfluss Eystri-Jökulsá  dürfen wir - zum Glück - auf einer Brücke überqueren. Es sieht auf den Bilder gar nicht so „wild“ aus, aber der Fluss hat Strömung und würde sich eher zum River Rafting als Motorraddurchfahrt eignen. 

Recherchen Zuhause ergeben tatsächlich, dass auf dem Eystri-Jökulsá Rafting Touren angeboten werden. Er entspringt am Gletscher HofsjöDer Gletscher ist im Hintergrund zu sehen.kull, seine durchschnittliche Wassermenge beträgt (laut Wikipedia) im Sommer 60 – 100 m³/Sek.

Seit 1970 gibt es diese Brücke bei Laugafell. Vorher galt der Fluss, der meist viel Schmelzwasser führt, als sehr schwierig zu überqueren.

Der Gletscher ist im Hintergrund zu sehen.

Wir nutzen den Stopp für eine kleine Fotosession.

Dann ist es soweit. Knapp 10 Kilometer vor dem Ziel folgt die erste richtige Furt über den Strangilækur. Wieder halten wir an.

Scheint nicht sonderlich tief zu sein. "Ich bin dran mit Nasse Füsse holen", sage ich. "Nö, da fahren wir einfach durch" meint Martin. OK, ich lasse ihm den Vortritt.

Uiuiui,… Puuhh, gerade nochmals gut gegangen. Mittendrin ist er in eine echt tiefe Stelle geraten und zudem ist er „abgetrieben“ so dass er im Fluss ein Stück Stromaufwärts zur Piste zurückfahren muss.

Er steigt ab und gibt mir ein Zeichen - Warten! Er stiefelt in den Fluss und ruft mir zu: „Im Bogen die Furt queren. Fahr genau auf mich zu und dann rechts raus.". OK


Genauso mach ich das, und es klappt bei mir ohne in ein „Loch“ zu „fallen“. Ein schönes Gefühl, den Mann als Lotse im Fluss stehen zu haben.

 

Aber genau darum sollte man Furten, auch wenn sie noch so harmlos aussehen, tatsächlich erst zu Fuss erkunden. Immerhin beträgt das zu querende Stück Wasser 35 Meter. Fortgeschrittene und Einheimische können Flüsse lesen. Diese Fähigkeit besitzen wir nicht.

Und weiter gehts. Kurz darauf stehen wir vor dem nächsten flüssigen Hindernis. Sieht übel aus. Mit ordentlich Strömung. Trüb – DAS ist ein Gletscherfluss. Unser erster.

 

So kurz vor dem Ziel. Es liegen nur noch 5.5 Kilometer zwischen uns und Laugafell. Dazwischen die Furt des Gletscherflusses Hnjúkskvísl, welcher übrigens auch am Hofsjökull entspringt.

Diese Furt ist 50m breit und die Wassertiefe wird im Roadbook mit durchschnittlich 50 cm angegeben. Nur gut, dass das „nur Zahlen in einem Buch“ sind.

 

Gemeinsam stiefeln wir in die Strömung. Heftig. Zudem ist der nicht sichtbare Untergrund uneben und mit vielen grossen Steinen bestückt.

 

Ich schwöre auf meine Wasserdichte Gore-Tex-Stiefel, die sind echt Super! Nur nützen die jetzt nichts - schon nach wenigen Schritten schwappt das eiskalte Wasser von oben in den kniehohen Stiefel.

Und die Strömung reisst mit voller kraft. Ich kann mich kaum an Ort und Stelle halten.

Martin und ich geben uns die Hand. Mit den Füssen tasten wir den Untergrund ab und suchen nach „passierbaren“ Stellen "Umdrehen?" So kurz vor dem Ziel? Mir ist die Strömung zu stark, ich stiefle langsam, mit gezielten Schritten vorsichtig zurück. Martin geht weiter, schafft es sogar ganz rüber.

 

!!! Traue NIE einem Mann, dessen Räder dir bis zur Hüfte reichen!!!

Ja, der Unimog Fahrer wollte uns bestimmt nichts Böses. In seinem Riesen Truck hat ihn dieser Fluss einfach nicht weiter gekratzt. Wir aber stehen hier vor einer echten Herausforderung.

 

Martin stiefelt noch immer im Fluss herum, sucht nach der besten „Linie“.

Als er zurück ist lautet sein Fazit. „Wir schaffen das. Wir fahren ein Motorrad nach dem anderen rüber. Helfen uns gegenseitig zum Stabilisieren.

Auch hier müssen wir einen kleinen bogen machen. Zuerst möglichst Links entlang der Strömung (Flussabwärts), dann auf den grossen Stein zuhalten und vor dem Stein rechts raus.“

Das klingt nach einem Plan.

 

Erst die Alp 4. Ich steige auf und starte den Motor. Vorsichtig fahre ich ins Wasser. Martin hält mich am Heck. Stabilisiert, schiebt, wenn ich wieder an einem grossen Stein festhänge. Ich würge den Motor ab. Zum Glück lässt er sich anstandslos wieder starten. Ich würge erneut ab. Die Alp springt an. Martin ruft, dass ich zum Stein einlenken muss. „Nach rechts“. Das geht aber nicht so einfach – Nein, es geht überhaupt nicht.

 

Die Strömung drückt uns Flussabwärts. „Nach rechts“, wiederholt Martin mit lauter Stimme. Ich kreische - ein weiteres Mal - auf. Mein Linkes Bein findet keinen Grund mehr. Ich kann den Boden links nicht mehr berühren. Wir dürfen auf keinen Fall weiter abtreiben, da wird es noch tiefer. Ich kann aber nicht nach rechts einlenken – ein nicht sichtbarer Stein blockiert mein Vorderrad. Martin zieht mich ein Stück zurück. Einlenken – Motor starten (Ja, ich weiss) – weiter geht’s.

 

Ich schaff es tatsächlich nicht mehr vor dem grossen Stein rechts raus zu kommen. Aber immerhin, wir sind auf der anderen Seite angekommen. An dieser Stelle ist es jedoch nicht möglich das Flussbett zu verlassen. Wir müssen ein ganzes Stück Flussaufwärts. Und was liegt im Uferbereich? Trümmer von Steinen. Immerhin ist es nicht mehr so tief und auch die Strömung nicht mehr stark.

Dann endlich kann ich am Gas drehen und die Alp fährt ans Land.

 

Wir sind völlig erschöpft. Wir müssen zurück, die DI-DR holen.

Vorher stell ich die Kamera auf.

Dann waten wir rüber, suchen nach noch besseren Stellen zum queren. Merken uns, wo wir auf keine Fälle stecken bleiben wollen und sind uns einig, wir dürfen uns nicht mehr so weit abtreiben lassen. Den Bogen müssen wir fahren, aber etwas früher einlenken.

Martin steigt auf und startet DI-DR. Ich übernehme den Part am Heck. Er steuert in die Fluten.

Der Rest ist auf dem ungekürzen, 10-Minütigen Film zu sehen. Viel Spass, auch wenn es auf dem Video nicht ganz so heftig aussieht. Und auch die eisige Wassertemperatur kommt auf der Couch nicht so ganz rüber ;-).


Erschöpft, Fix und Foxy und völlig ausser Atmen stehen wir, mit beiden Motorrädern, nun auf der anderen Seite und kippen unsere Stiefel aus.

Wir haben es tatsächlich geschafft.

Mit nassen Füssen nehmen wir die letzten 5 Kilometer in Angriff. Ungewiss, was uns noch erwartet. Aber eins ist klar, egal wie die Furt Nummer drei wird – umkehren und über den Hnjúkskvísl zurück ist keine Option. Da sind wir uns einig.

Wir nähern uns der Oase Laugafell. Ja, wir können die Hütten sogar schon sehen… auf der anderen Seite der Laugafellskvísl. Die müssen wir wahrschienlich noch furten. Wobei die jetzt nicht (noch nicht?) ganz so heftig aussieht und auch kein Schmelzwasser zu führen scheint.

Wir folgen weiter der Piste. Laugafell verschwindet hinter uns. Wir überqueren einen kleinen Bach, welcher die Laugafellskvísl speisst. Etwas weiter vorne geht’s nochmals durch diesen Bach.

Zum Schluss müssen wir dann tatsächlich noch die Laugafellskvísl furten. Die stellt zum GLÜCK kein grosses Hindernis dar. Sie hat klares Wasser, der Grund sichtbar, nicht tief und auch die Strömung hält sich in Grenzen. Fotos von den zwei Mini Furten und der Laugafellskvísl-querung gibt keine. Wer mich kennt, der weiss, was das bedeutet. Frau ist durch.

15:20 Uhr. Wir erreichen Laugafell auf 750müM.

Was für ein tolles, unglaubliches Gefühl.

Wir setzten uns auf die Holzterrasse in die Sonne, ziehen Schuhe und Motorradhosen aus und halten einfach nur inne.

Der ganze Eigenstolz und das sieghafte „Eroberungsgefühl“ schwindet direkt wieder, als kurz nach unserer Ankunft zwei weisse Dacia Duster angefahren kommen? Wie kommen die hierher? Die können unmöglich unsere Strecke gefahren sein. Dürfen diese, in Island viel verbreiteten Mietautos überhaupt auf F-Strassen? Fragen über Fragen. Und gleichzeitig tut sich eine minimale Erleichterung in mir auf. Wo die auch immer herkamen, das kriegen wir mit unseren Zweirädern auch hin. Es gibt also einen „einfachen“ Weg. Einen Weg für Dacias – Für uns ein Kinderspiel.

Ich werfe einen Blick in die Karte, in die MDMOT Offroadstrecken und das englische Trackbook.

 

Es gibt drei Routen nach Laugafell. Die einsame F752, welche wir soeben „bezwungen“ haben. Östlich davon die F821 oder via einen Teilabschnitt der F26 bekannten und viel befahrenen Sprengisandur (eine der drei Nord-Süd-Querungen).

Auf der F281 wären es nur ca. 42 Kilometer F-Strasse, und dann nochmal ca. 40 KM normale Schotterpiste bis wir in Akurery auf die Ringstrasse stossen würden. Eine eingezeichnete Furt gibt es zu queren. Man muss aber, gemäss Reiseführer, mehrere 100 Kilometer in einem Flussbett fahren. Keine Ahnung.

Die komplette Sprengisandur (F26) ist ca. 200 Kilometer lang und führt vom Süden, zwischen dem grössten Gletscher Islands, dem Vatnajökull, und „dem Hofsjökull, in den Norden.

Wir würden davon ca. 86 Hochlandkilometer (F-Strasse) und 33 normale Pistekilometer zurücklegen.

Es gäbe auch noch die Möglichkeit, das Hochland gar nicht zu verlassen und via F910 östlich nach Askja zu fahren. Diese Strecke ist für uns aus treibstofftechnischen Gründen schonmal keine Option. Zwischen Laugafell und Askja warten 173 Kilometer F-Strasse, mehrere strömungsreiche Furten und tiefer schwarzer Lavasand. Von Askja bis zur Zivilisation, sprich zur nächsten Tankstelle sind es dann nochmals 90 Kilometer Mondlandschaft. Dafür sind wir nicht ausgestattet. Das schaffen wir nicht mal mit unseren vollen Ersatzkanister.

Natürlich erkundigen wir uns bei den Dacia-Fahrern. Sie sind über die F26 gekommen und werden nach dem Bad im Hotpot auch wieder über die F26 zurückfahren. Nur kleine Furten, die sogar ein Dacia problemlos meistert. Das klingt doch irgendwie schonmal beruhigend. Definitiv entscheiden werden wir uns Morgen früh.

Jetzt wollen wir uns hier, im Herzen Islands, einfach wohl fühlen und uns mal ein bisschen umschauen.

Ein wunderbarer Ort, diese Oase, inmitten einer riesigen Vulkanlandschaft. Grün geht in grau und dann in Schwarz über und in der Ferne der weisse Gletscher, der uns schon den ganzen Tag an Horizont begleitet - und dessen Schmelzwasser unsere wasserdichten Stiefel flutete

Neben den Hütten die man online buchen kann, gibt’s einen grossen „natürlichen", mit Algen überzogene Hotpot. Das Wasser zum Baden (35-40°C) wird aus einer nahen heissen Quelle aufgestaut. Geothermie ist schon irgendwie cool.

 

Für Camping- und Hüttengäste ist der Pool im Preis inbegriffen. Es gibt auch wieder eine beheizte Umkleide. Darin dürfen unsere Stiefel und Socken über Nacht trocknen. Aber erst später, wenn die anderen Badegäste wieder weg sind. Die Dacia-Fahrer geniessen gerade das urige Bad.

Kaum ist die Sonne verschwunden, wird es schlagartig unangenehm kühl. Wir suchen uns einen halbwegs windgeschützten Ort – den es hier nicht gibt – und stellen das Zelt schlussendlich hinter einer der Hütten auf auf.

Die Dacia-Fahrer haben in der Zwischenzeit Laugafell verlassen. Dafür sind zwei „richtige“ Geländefahrzeuge eingetroffen. Die zwei Pärchen setzten sich direkt mit einem Bier in den Hotpot. Sie werden heute in Ihren Schlafkabinen übernachten. Als die zwei Pärchen später dann mit Kochen beschäftigt sind, gönnen auch wir uns ein Bad im warmen Wasser.

Jetzt nur noch Kochen, essen und schlafen.

Wie kalt es ist, sieht man an unserem Olivenöl. Es will irgendwie nicht aus der Flasche raus. Wir kochen drei Würsten und essen dazu Knäckebrot mit Krautsalat. Danach im Zelt noch ein „Lava“ als Guetnachtmümpferli ;-).

Der Wind nimmt zu. Da wir hier kein Netzt haben, können wir weder Sturmwarnung noch die Aurora-wahrscheinlichkeit überprüfen.

In der Nacht wachen wir auf. Wir kennen das Prozedere. Motorrad und Zelt sichern. Nachdem alle Heringe nachgedrückt sind, wieder schnell in den warmen Schlafsack. In den letzten Tagen haben wir viel Vertrauen in unser Spatz-Tipi bekommen und wissen, was es kann, und dass es einem Sturm gewachsen ist. Relativ unbesorgt schlafen wir den Rest der Nacht durch. Nordlichter gibt es heute keine.


 

Nachtrag: Bei unseren Recherechen „danach“ ist uns aufgefallen, dass so gut wie alle Reiseberichte diese Route andersrum fahren. Sprich, via die F26 oder F821 nach Laugafell und am nächsten Tag, wenn überhaupt, „unsere“ Route (F752) über den Hnjúkskvísl zurück.

Warum wohl… Genau, wir erinnern uns: Gletscherflüsse führen am Vormittag weniger Schmelzwasser als am Nachmittag. Und sollte der Fluss, direkt nach Aufbruch, doch zu viel Wasser führen, so bleiben ja noch die anderen Routen als Alternative zurück. 5 Kilometer vor dem Ziel ist ein unüberwindbares Hinderniss halt "irgendwie blöd". Viel hätte nicht gefehlt und wir hätten umdrehen müssen. Das Leben oder die Maschine riskieren ist für uns keine Option.


 

Laugafell ist ein sehr spezieller und fantastischer Ort. Da die Oase, im Gegensatz zu anderen Hochlandhütten, nicht von Touristenbussen angefahren wird, ist es hier sehr ruhig. Natur PUR. Für uns ist es einfach das Grösste, hier die Nacht im Tipi verbringen zu dürfen.


Laugafell

2 Personen im Zelt plus Motorräder

= 1000 ISK = 6,64 €= 3.32 € pro Person

inkl. Hotpot & warme Dusche

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